Teamdynamiken, die aktuelle Situation und ich

Es ist sieben Wochen her, dass ich meinen letzten Beitrag geschrieben und gepostet habe. Vielen Dank für Eure vielen Kommentare und Gedanken. So gestärkt mache ich doch einfach mal weiter und schreibe Beitrag No. II.

In den letzten Wochen war viel los: Ich habe Urlaub gemacht, bin eine Woche mit meiner Hündin Fenja im schwedischem Fjäll gewandert, bin 2500 km von Nordschweden zurück nach Bielefeld gefahren, musste doch nicht in Quarantäne (Schweden wurde von der Liste der Risikogebiete gestrichen), habe mich in meinem Zuhause wieder eingerichtet, Freunde getroffen – mit und ohne Abstand, habe Desinfektionsmittel/ Handseife/ Masken bestellt um für eventuelle Programme gerüstet zu sein, habe weitere Abbuchungen und auch einige Anfragen erhalten, mich mal wieder durch Seitenweise Auflagen gelesen und begonnen in Deutschland ein bisschen „Corona-Luft“ zu schnuppern.

Bei all dem habe ich mir so meine Gedanken gemacht

Bei der Vorbereitung zu meiner Fjällwanderung und der letztendlichen Routenauswahl habe ich versucht eine Strecke zu finden auf der 1. nicht so viele Menschen unterwegs sein werden, 2. nur noch wenig Schnee liegt, 3. ich meine Hündin mitnehmen kann, 4. ich die Strecke in mückenreichen Gebieten möglichst kurz halten kann und wo es 5. keine Grenzwechsel zwischen Norwegen und Schweden gibt, da diese immer noch verboten waren (auch dort oben in den Bergen).

Das habe ich gefunden und war 7 Tage im Nirgendwo ohne Handyempfang in einer Landschaft in die man im Sommer nur zu Fuß gelangt. War Wind und Wetter ausgesetzt und hatte alles auf dem Rücken was ich brauchte.

Ich bin in sieben Tagen ungefähr 20 Menschen begegnet. Und an jeder Fjällhütte Corona- und Hygieneregeln und Menschen die sich daran halten.

Alle 12 – 30 km gibt es in den meisten Nationalparks im Fjäll Schutzhütten und/oder bewirtschaftete Hütten an denen es Nottelefone gibt, manchmal einen kleinen Kiosk für die notwendigsten Dinge und die Möglichkeit zu übernachten. Die Hütten sind sehr einfach, ohne Strom und fließendes Wasser, aber immer in der Nähe eines Flusses und mit Ofen und Feuerholz um in Notsituationen kochen und sich wärmen zu können. Außerdem gibt es hier die Fjällsicherheitsbücher in die sich alle eintragen um im „Worst Case“ das Gebiet eingrenzen zu können in dem eine vermisste Person gesucht wird.

In jeder Hütte wurden Möglichkeiten geschaffen sich die Hände zu waschen, zu desinfizieren und es wurden Regeln aufgestellt die alle schützen die hier zusammen kommen. Abstände wurden eingehalten und die Zeiten, in denen die Hüttenwarte ansprechbar sind, verkürzt um größtmöglichen Schutz für sie zu gewährleisten.

In Schweden gibt es keine Maskenpflicht, aber die Aufforderung die Abstände zueinander einzuhalten, sich regelmäßig die Hände zu reinigen und weite Reisen nach Möglichkeit nicht zu unternehmen.

Und so weit ab von Dörfern und Städten, Straßen und Geschäften – mitten in der Natur begegne ich Menschen die aufeinander aufpassen und sich rücksichtsvoll begegnen, werden Möglichkeiten geschaffen die Regeln und Empfehlungen einzuhalten.

Das hat mich tief beeindruckt

Auf meiner Autoreise durch Schweden habe ich überall erlebt, dass Menschen die Regeln eingehalten haben. In Supermärkten, Tankstellen und kleinen Lädchen wurde abgewarten, Platz gemacht und geduldig angestanden.

Nachdem ich über die Grenze nach Deutschland gefahren bin habe ich meine Maske wieder aufgesetzt und bin wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass auch hier die Menschen Abstand halten.

Leider ist dem oft genug nicht so. In vielen Situationen schwappt mir die Ungeduld der Menschen entgegen, muss es schneller gehen, kann nicht gewartet werden und sobald es voller wird nehme ich ein inneres Achselzucken war mit einem „Tzzz, wie soll man hier Abstand halten? Das geht doch garnicht“ und damit ist das Thema erledigt und man knubbelt sich munter durch Gänge, Straßen und vor Regalen.

Entschuldigung! Der von Ihnen bestellte Lebensstil ist derzeit nicht vorrätig

In solchen Momenten werde ich erst fassungslos, dann traurig und nach einer Zeit erklärt sich mir das Verhalten

Es erklärt sich mir immer dann wenn ich beginne die Dynamiken, die momentan zu beobachten sind, zu reflektieren. Wenn ich mit meinen „professionellen Blick“ auf all das schaue was momentan passiert.

Denn runter gebrochen könnten wir sagen, dass wir in einer riesigen, allumfassenden Teamaufgabe gelandet sind. Und zu unserer Überraschung kommt sie nicht in Form von einer Zombieapokalypse, Außerirdischen oder überdimensionalen Asteroiden daher und wirbelt unsere Welt durcheinander, sondern winzig klein – still und leise in Form einer Viruserkrankung über die wir wenig wissen und gegen die wir noch keinen adäquaten Schutz gefunden haben.

Mit Teamherausforderungen kenne ich mich aus. Auch und vor allem mit den Schwierigkeiten die wir Menschen in Gruppen miteinander bekommen, wenn wir gemeinsam etwas schaffen „müssen“.

Und so begegne ich in schöner Regelmäßigkeit „Niemand“, „Jemand“, „die Anderen“ und „Da machen doch eh nicht alle mit!“

„Niemand“ hält sich an Regeln, „Jemand“ müsste da mal ne Ansage machen oder was ändern, „Die Anderen“ halten sich eh nicht dran und „Da machen doch eh nicht alle mit! Das klappt nie!“ gefolgt von einem allumfassenden Energieeinbruch aller Beteiligten.

Meine Arbeit besteht dann darin Menschen in Situationen zu bringen in denen Sie ein anderes Verhalten ausprobieren können. In denen ihre bisherigen Verhaltensmuster nicht mehr zum Erfolg führen und sie „gezwungen“ sind neue Wege auszuprobieren.

Gruppen sind immer dann zu einem neuen Weg bereit, wenn es schlimm genug ist und sie nach wiederholtem Scheitern feststellen, dass es wirklich so nicht mehr weiter geht, weil der Leidensdruck zu groß wird. Die eigene emotionale Belastungsgrenze erreicht ist.

Dann reichen sie sich die Hände, stellen die eigenen Bedürfnisse zu Gunsten der Gruppe zurück, finden Wege alle mitzunehmen, nutzen die vielfältigen Kompetenzen aller und lassen sich auf neue Rollen innerhalb der Gruppe ein. Sie schauen nach rechts und links und belohnen sich mit einer tiefen inneren Freude und dem Glücksgefühl gemeinsam etwas bewältigt zu haben.

Bei der Auswahl und Begleitung der Herausforderungen die ich Gruppen stelle kommt es ganz wesentlich auf folgende Faktoren an:

  • Der Sinn dessen was wir im Rahmen eines Programms machen muss für alle ersichtlich sein
  • Alle Meinungen, Gefühle und Emotionen brauchen Raum
  • Ärger, Frust, Bedenken und das In-Frage-stellen ist genauso wichtig wie Optimismus, Hoffnung und innovativen Ideen zu zu hören
  • Je länger der sichtbare und fühlbare Erfolg auf sich warten lässt, desto frustrierter wird die Gruppe und braucht umso mehr Stabilität und Transparenz der Leitung
  • Erfolge müssen fühlbar und spürbar sein
  • Veränderungen brauchen Sichtbarkeit
  • Der Transfer und die Aufbereitung dessen, was im Rahmen von Gruppenherausforderungen passiert, ist existentiell wichtig. Nicht alle erkennen sofort den positiven Mehrwert für sich persönlich und hängen noch bei dem, auf was sie „zugunsten der Gruppe“ verzichten mussten.

Wenn ich all das auf die große Bühne der gesellschaftlichen Realität hebe und mir das Verhalten von Gruppen ins Gedächtnis rufe, dann passt da sehr viel übereinander

Es fällt uns Menschen unglaublich schwer, wenn unser Erfolg nicht greifbar ist. Wenn wir nicht merken, dass unsere Verhaltensänderung einen Unterschied macht – wenn das was geschieht nichts mit uns persönlich zutun hat.

Worte allein reichen nicht, oder nur sehr kurz, um Notwendigkeiten zu schaffen uns anders zu verhalten. Wir brauchen das Erleben, den Mehrwert für unser eigenes Leben, eine Sinnhaftigkeit in unserem Tun.

Aber, so hart es auch klingt, dafür sind zu wenig Menschen in Deutschland gestorben. Wir haben keine Massengräber ausheben müssen und die wenigsten von uns mussten Familienmitglieder oder Freunde beerdigen.

Die meisten von uns standen nicht auf überfüllten Krankenhausfluren und mussten nicht entscheiden welche Operation und Versorgung Vorrang hat. Die wenigsten von uns sind an Covid-19 erkrankt oder kennen jemanden der oder die davon betroffen war. Die vormals eindrücklichen und beängstigenden Bilder aus Italien und aller Welt sind unsere alltägliche Begleitung geworden – so wie viele Katastrophenbilder die wir Tag für Tag zur Kenntnis nehmen – die es aber nicht bis zu uns, in unser Leben, unser Wohnzimmer, unsere Familie schaffen. Was bleibt ist das Gefühl das doch gar nichts passiert ist.

Die Angst verschwindet und nutzt sich ab. Die Worte derer die näher dran sind erreichen uns nicht mehr.

Die Euphorie des gemeinsamen Kampfes, des Überlebens im Lockdown, des füreinander Einstehens, des gegenseitigen Helfens ist verklungen. Uns ist die Puste ausgegangen. Wir können unseren Erfolg nicht fühlen

Weil unser Erfolg darin besteht, das wenig dramatisches passiert ist.

Es gibt für das Phänomen ein Wort, das mir grade nicht einfällt. Ich nenne es „die unsichtbaren Helden“. Menschen oder Entscheidungen die dazu führen, dass eine Katastrophe nicht eintritt und die aus Ermangelung der Sichtbarkeit nie als Helden gefeiert werden.

Und somit besinnen wir uns wieder auf uns selbst. Stellen das. was gefordert wurde in Frage. Wir wollen Aufklärung, Entschädigung, die eigene Freiheit zurück. Wir wollen uns nicht mehr abfinden mit den Einschränkungen des eigenen Lebens. Wir werden misstrauisch. Wir fühlen uns verarscht. Wir fangen an zu schummeln, wir mogeln uns unseren eigenen Vorteil zurecht. Wir sind nicht einverstanden und sehen es nicht ein persönlich zurück zu stecken um eine nebulöse Gemeinschaft zu unterstützen die uns noch nie geholfen hat. Wir fühlen uns übergangen/ übersehen und „Jemand“, „Niemand“ und „die Anderen“ sollte gefälligst zur Verantwortung gezogen werden.

In der Arbeit mit Gruppen ist es nichts ungewöhnliches, dass Gruppen nach einer erfolgreichen Gruppenerfahrung nach einiger Zeit in alte Verhaltensweisen zurück fallen. Wir brauchen Wiederholung und Übung um nachhaltig zu lernen. Diverse Modelle sind in Kreisen oder Kreisläufen abgebildet, da sich Dynamiken und Phasen immer und immer wiederholen.

Ganz nüchtern Betrachtet und ohne schön Reden:

Es war nicht schlimm genug! Es hat nicht gereicht! Wir sind nicht persönlich betroffen genug um einen längeren Atem zu haben.

In meiner Arbeit mit Teams arbeite ich oft mit einem „Neustart“ von Aufgaben. Alles geht von vorne wieder los. Alles auf Anfang. Da gibt es noch was zu lernen und zu verbessern bevor sich der tatsächliche Erfolg einstellt. Die Gruppe stöhnt dann gerne kollektiv auf! „Och nein, wirklich?“ Und dann sage ich: „Ja, nochmal! Die Regeln bleiben gleich, überlegt wie ihr das hin bekommen könnt!“

Und dann geht alles von vorne los. Bis alle ihren Platz gefunden haben, alle mitgenommen werden und jeder ein kleines Stück von sich hergibt um die Gruppe, die Gemeinschaft zu unterstützen.

Worte reichen eben nicht und daher müssen wir am eigenen Leib erfahren, dass es so nicht weiter gehen kann. Das wir alle ein bisschen verzichten müssen um einander zu unterstützen.

Ich wollte „Corona-Luft“ schnuppern. War neugierig wie wir das in Deutschland machen. Und viele neue und tolle Ideen sind entstanden. Möglichkeiten mit Abstand, Hände waschen und ein bisschen mehr Geduld und Aufwand trotz veränderter Vorzeichen eine neue lebbare Realität zu schaffen. Es macht mir viel Spaß diese Menschen zu unterstützen die sich auf den Weg machen und mit den neuen Voraussetzungen umgehen möchten. Lasst uns die Menschen unterstützen und respektvoll sein.

Ich persönlich habe immer noch 100% Umsatzverlust und da bin ich nicht alleine mit. Ich wünsche mir, dass wir ohne eine große Tragödie bereit sind unser Verhalten den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Alle mir bekannten Theorien sprechen dagegen…

Austausch

Vielleicht seid ihr überrascht von meinen Worten, vielleicht anderer Meinung, vielleicht…

Lasst es mich wissen! Wird brauchen Austausch miteinander – eigentlich immer – aber jetzt erst recht. In einer Zeit die unsicher macht, die uns immer wieder nach den schnellen „alten“ Lösungen greifen lässt.

Ich freue mich auf Eure Gedanken!

Danke fürs Lesen! Passt gut auf einander auf!

Kategorie:In eigener Sache

Hallo, ich bin Mona, selbstständige Team- und Outdoortrainerin, Inklusionscoach und Erlebnispädagogin. Ich wohne in Bielefeld und konzipiere, plane und leite seid 2011 überregional Trainings, Fortbildungen und Events. Mich begeistern Menschen, draußen sein, neue Erfahrungen und methodenübergreifendes Arbeiten.

3 Kommentare

  1. Christian

    Hey Mona,
    Klasse Beiteag… gefällt mir sehr… ich freue mich auf ein Wiedersehen im Einschlingen am Mittwoch…
    Bis dahin eine gute Zeit…;)
    Christian

  2. Ja. Ich teile vieles was du schreibst.
    Neu denken – New thinking- in Zeiten wo die schnelle alte Lösung so verlockend ist, aber nicht die richtige Schlussfolgerung für die neue Situation ist.
    In unserer Arbeit mit Gruppen haben wir, wenn es gut läuft, den Vorteil, dass die Menschen uns als Leitung ihr vertrauen schenken, und wir ihnen.
    Wir sehen ihre Ideen, Bedenken und vor allem die einzelnen Individuen. Wir sehen die Gruppe nicht als pauschales Gebilde, sondern sehen, dass jeder einzelne die Gruppe „ist“, sie gestaltet.
    Dadurch entsteht vlt das Vertrauen zu uns als Leitung, dass niemand übergangen wird.
    Gesellschaftlich fehlt dieses Vertrauen zur Leitung. Es war kurzfristig am Anfang von corona da, als die Leitung Sicherheit ausstrahlte, obwohl sie sie selbst nicht hatte.
    Wir als gruppenleitung geben uns den Auftrag für unsere Gruppen einen sicheren Rahmen zu schaffen, damit dieses Vertrauen entstehen kann. Dann ist Öffnung möglich, Bereitschaft, neu zu denken und Herausforderungen mit neuen Ideen anzugehen, da die alten nicht funktionieren werden.
    Oft braucht es einen konsenz, ein gemeinsames Ziel, damit die Energie entstehen kann gemeinsam etwas „anzupacken“. Und ja, am Anfang steht der Austausch, ideenaustausch. Wie wunderbar, dass genau das in Gruppe so fruchtbar ist, nämlich dann wenn die eigene Idee an die Grenze kommt und wir durch andere Ideen weiterkommen. Resonanz. Wie wunderbar, wenn man sich dann gegenseitig befruchten und die Bälle zu schießen kann und plötzlich Potentiale und Kreativität freigesetzt wird. Wenn es nicht mehr um die Frage geht „ob“ sondern wie etwas gelingt.
    Wir Menschen sind auf diesen Austausch und Kontakt angewiesen um Herausforderungen und Krisen positiv zu wandeln.
    Umso schöner, dass sich in der Gesellschaft gerade minigesellschaften bilden, die genau das wollen.
    Einen gesellschaftlichen konsenz mit einem gemeinsamen Ziel wird es nicht geben. Obwohl wir als Menschen bestimmt ein wesentlich gemeinsames Ziel haben. Das wird nur so selten wahrgenommen. Gesellschaft lebt genau vom diskurs, vom Austausch und wertschätzen der Unterschiedlichkeit.
    Mit den unterschiedlichkeiten in den Austausch zu gehen, in Kontakt. Sich damit einzubringen ist vlt der Anfang jeder Veränderung.
    In unserer Arbeit kann man das wunderbar sehen, wie daraus oft große Veränderungen entstehen, vom ich übers du zum „wir packen das an“.
    Schön dass du mit deinen Gedanken sichtbar bist in deinem Blog. Zu Kommentaren und austausch aufrufst.
    Das bringt Zuversicht, denn das ist das was wir tun können. Uns immer wieder einbringen.

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