Teamtraining, Corona und ich

Mitternachtssonne in Lappland

Es ist Ende Juni 2020. Eigentlich wäre ich jetzt in den letzten Zügen meiner 1. Saison des Jahres und würde langsam aber sicher in die Sommerpause gehen. Urlaub machen, Anfragen bearbeiten und Material nachbestellen.

Stattdessen bin ich seit nun mehr 17 Wochen (mit 4 wöchiger Unterbrechung in Deutschland) in Miekojärvi, schwedisch Lappland.

Anfang März, als sich die Entwicklung der Pandemie beschleunigte bin ich zu einem 2 wöchigen Urlaub nach Norden aufgebrochen. Freunde sehen, Schnee & Kälte erleben und nach einem herausfordernden Jahr 2019 mein persönliches Paradies und zweite Heimat schwedisch Lappland besuchen.

Ich habe von 2008 – 2011 hier oben im Norden gelebt und gearbeitet und war die darauffolgenden Jahre immer wieder hier um Freunde, Natur und Projekte zu treffen, erleben und zu unterstützen.

Ein Leben das sich den Gegebenheiten der Natur anpassen muss (Schnee, Stürme, Temperaturen bis -35 Grad, Dunkelheit, Mitternachtssonne, Moskitos, Regen, Sonne 24 Stunden lang, …) hat mich immer wieder Demut, Respekt und Dankbarkeit gelehrt. Von Zeit zu Zeit ganz hilfreich als Gegenentwurf zu meinem Leben in Bielefeld das wesentlich schneller, weniger naturabhängig und irgendwie seichter ist.

Während meines Urlaubs trudelten die ersten Stornierungen meiner Kunden ein und Corona erreichte Deutschland.

Als Norwegen und Finnland ihre Grenzen geschlossen haben war ich grade auf Recherchetour beim Finnmarksløpet (einem Langdistanz-Schlittenhunderennen im nördlichsten Norden Norwegens mitten im Nichts). Das Rennen wurde Corona bedingt gestoppt und wir sind an geschlossenen Läden und Restaurant vorbei, zurück nach Schweden gefahren. (Neugierig?)

Die Welle der Abbuchungen ging ungebremst weiter. Meine Seminare, Teamtrainings, Firmenevents und Termine für fortlaufende Teamentwicklungen wurden auf unbekannt verschoben. Von heute auf morgen entstand viel Platz in meinem Kalender.

Die Frage meiner Kunden nach Stornokosten beantwortete ich mit: Nein, es entstehen Ihnen keine Stornokosten. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit, wenn die Zeit dafür wieder passt. Mir war wichtig, dass die vorausschauenden Buchungen meiner Kundinnen und Kunden kein Nachteil für sie darstellt. Kulant mit unvorhergesehenen Änderungen umzugehen war immer schon meine Art und in unsicheren Zeiten gibt es keinen Grund davon abzuweichen.

Viele meiner Freunde hier oben im Norden Skandinaviens arbeiten im Tourismus und auch bei ihnen hagelte es Abbuchungen. Wir haben uns viel ausgetauscht, uns beim Denken geholfen und uns auf dem Laufenden gehalten. Was passiert in der Welt? Was passiert mit dem eigenen Unternehmen? Wie geht es uns und was fühlen wir in dem ganzen „Chaos“? Wir sind zusammengerückt und haben viel Raum gelassen für alle Emotionen die da waren und auch immer noch sind.

Meine Persönliche Situation war und ist den Umständen entsprechend gut. Ich bin von Haus aus Buchhändlerin. Das Arbeiten mit Gruppen, Teambuilding und Unternehmensentwicklung kam erst in mein Leben, als ich persönlich soweit war. Einer der Vorteile meines ersten Berufsweges –  ich habe von Grund auf Kalkulieren gelernt. Unternehmerisch hilft mir das sehr und hat dafür gesorgt, dass ich mir für unkalkulierbare Zeiten, in denen ich kein Geld verdienen kann oder will, ein Rücklagen zugelegt habe.

Also habe ich meinen Kontostand überprüft, habe entschieden wie viel meines Ersparten auf jeden Fall bleiben soll, meine monatlichen Fixkosten geprüft, gerechnet und herausgefunden, dass ich ein paar Monate ohne Einkommen überlebe ohne in eine existenzbedrohende Situation zu geraten.

Das hat mich beruhigt und mir ein Zeitfenster geöffnet mit dem ich nun weiter denken konnte.

Freundinnen von mir hat es ungleich härter getroffen. Genau genommen sind wir in derselben Situation. Von heute auf morgen bricht unser Einkommen zu 100% weg. Nur die Voraussetzungen sind andere. Sie haben 2019 größere Investitionen getätigt um der positiven Entwicklung ihres Unternehmens Rechnung zu tragen und mit den Einnahmen aus Ihrer Firma finanzieren sie ihre große Leidenschaft – 33 Schlittenhunde. (Neugierig?)

Während meines Besuchs bei ihnen wurden sie ziemlich sofort zahlungsunfähig. Während Deutschland die Soforthilfe ausschüttete, hatte sich Schweden dazu entscheiden den kleinen Firmen „nur“ Kredite anzubieten die lediglich eine Verschuldung fördert, nicht aber das unternehmerische Überleben.

Soforthilfe – Mittlerweile wissen wir, dass die Soforthilfe für KleinunternehmerInnen mit geringen Fixkosten wie mich ein kurzer Hoffnungsschimmer war, der sich mittlerweile fast gänzlich in seine Bestandteile aufgelöst hat. Aber kurz war es ein schönes Gefühl aufgefangen zu werden.

Ich entschied zu bleiben und ihnen unter die Arme zu greifen, finanziell und tatkräftig. Hier wurde ich mit dem was ich kann gebraucht. In Deutschland gab es nicht viel für mich zutun. Während viele andere zurück in ihre Länder gefahren oder geflogen sind habe ich alle Tickets storniert und mich mit Kathi und Johanna an die Rettung der Huskys gemacht.

Ich habe gefilmt, fotografiert und Texte geschrieben. Ich habe mit Kathi und Johanna Workshops zu ihrer neuen Lebens- und Arbeitswirklichkeit gemacht. Wir haben neue Ideen entwickelt und ich konnte mit meinen Kompetenzen beim Sortieren, Ordnen und neu gestalten helfen.

In Teilen habe ich „meinen Job gemacht“ – ich habe Organisationsentwicklung, Prozessbegleitung und Teammoderation unter Einbeziehung der Menschen gemacht um die es geht.  Das ist es was ich gut kann, das ist es, was ich an meiner Arbeit liebe. Natürlich waren die Workshops handlungsorientiert. Methoden aus dem Design Thinking kombiniert mit Teamtrainingsaktionen und Lösungen die überprüft werden dürfen und auf ihre Machbarkeit hin getestet werden können.

Parallel dazu habe ich versucht zu verfolgen wie andere meiner KollegInnen mit der Situation umgehen, habe aber wenig gefunden. Hier und da wurden Onlineangebote ins Leben gerufen, Podcasts veröffentlicht oder Ankündigungen gemacht, dass die Zwangspause für die Entwicklung von neuen Programmen genutzt wird.

Und ich? Auch bei mir kamen Anfragen ob ich Seminarbausteine für die Onlinenutzung aufbereiten könnte. Vieles schien plötzlich online zu gehen und ich bekam den Eindruck, dass es fast ein „Muss“ ist sich im neuen Markt der Onlineangebote zu positionieren.

Ich bin eine, die schnell neue Ideen bekommt, Lösungen findet und sich nicht lange mit einem Problem aufhält. Nur bei der Frage nach der Machbarkeit von Onlineangeboten meiner Angebote fiel mir so gar nichts ein.

Schlussendlich habe ich für mich entschieden, dass es mir schlicht und einfach nicht entspricht. Ich bin davon nicht überzeugt. In meiner Arbeit habe ich mir zur Aufgabe gemacht Themen und Theorie erlebbar zu machen. Gruppendynamiken und Emotionen zu nutzen und den Anteil der reinen Wissensvermittlung so klein wie möglich zu halten und auf das Notwendige zu beschränken. Meine ganze Energie habe ich darauf verwendet Menschen Inhalte erfahrbar und erlebbar zu machen – die anschließende Theorie war nur die Zusammenfassung dessen, was längst verstanden wurde. Dieses Prinzip umzudrehen und auf die reine Wissensvermittlung zu reduzieren fällt mir schwer.

„Ich habe mir nichts aufgeschrieben und nehme trotzdem alles mit! Wir haben einfach gemacht und im Hintergrund war immer das Thema.“ (Alina & Leon – Fortbildung „Inklusion erleben“)

Ich habe eingesehen, dass ich für diese Angebote nicht die richtige bin. Gleichzeitig konnte ich mich vor Ort kompetent fühlen. Habe Neues gelernt, habe ein großes Spendenprojekt mit ins Leben gerufen und konnte  dort Menschen unterstützen wo ich war um gemeinsam Lösungen zu finden.

Das alles hat dazu geführt, dass ich mich jetzt mit diesem Blogbeitrag zu Wort melden kann.

2011 habe ich gegründet und seit dem ersten Tag hatte ich das Gefühl MAN müsste dringend Werbung machen und an der Außendarstellung arbeiten.

Tatsächlich sind meine  Kunden von Anfang an über Mund-zu-Mund-Propaganda und Empfehlung auf mich aufmerksam geworden. Daher hielt sich der tatsächliche Druck in Grenzen.

Und trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los (und hier und da wurde ich auch direkt darauf hingewiesen) das es dazu gehört sich anzupreisen, zu schreiben was einen ausmacht, den eigenen Unterschied heraus zu arbeiten.  Das macht man so!

Ich habe gefühlte 1000 Anläufe gemacht. Bei Facebook, mit Webseiten, in Flyern, auf Seiten von Kooperationspartnern. Ich habe mir unzählige Seiten anderer MitbewerberInnen angeschaut um herauszufinden „was man so schreibt“.

Das klang alles immer ganz großartig und sehr vielversprechend. Vor allem das Vielversprechende hat mich oft skeptisch werden lassen. Welche Geheimwaffe haben die wohl? Warum können sie versprechen was sich in und nach diesem oder jenem Programm bei den Teilnehmenden verändern kann? Im Vorhinein. Ohne mehr über die Menschen für die das Programm sein soll zu wissen?

Ich konnte und wollte das nie. Ich muss von den Menschen ausgehen und dann schauen was ich anbieten kann oder ob es jemanden gibt der/die das besser kann und an die ich verweisen kann.

Meine Stärke liegt darin individuelle handlungsorientierte Programme für individuelle Menschen und Gruppen zu erstellen und durchzuführen. Um dann nach abgeschlossener Planung im Programm spontan und flexibel auf das zu reagieren und das aufzugreifen was oben liegt und dringend ist. Programme an den Prozess anzupassen. Methoden zu wechseln und flexibel zu bleiben.

Meine Methoden sind ein Mix aus allem was aus meiner Erfahrung heraus dem jeweiligen Ziel und Prozess zuträglich ist. Vielleicht würde man es interdisziplinär nennen…ich bin aber schlicht sehr neugierig und an allem interessiert was Menschen bewegen kann.

Es gibt großartige Methoden aus der systemischen Beratung, dem Coaching, dem Teamtraining, der Natur-, Theater- und Erlebnispädagogik, der Prozessbegleitung, der Supervision, Bezafta, der politischen Bildung, der Organisationsentwicklung, dem agilen Projektmanagement mit Scrum & Kanban und Design Thinking.

All diese Bereiche (ein bisschen respektlos) zusammen zu mixen und so einzusetzen, dass es den größtmöglichen Nutzen für meine Kunden hat macht mir unglaublich Spaß! Und manchmal ist mein Job eben auch darauf hin zu weisen, dass ich nicht die Richtige für den Auftrag bin oder das etwas anderes noch besser wäre.

Die Antwort auf die Frage wie ich das alles schmissig in einem Werbetext verwandeln kann weiß ich immer noch nicht. Aber jetzt bin ich soweit darüber zu schreiben, das ich es nicht kann.

Warum? Weil ich die letzten Wochen für andere schreiben durfte und die Rückmeldungen sehr positiv ausgefallen sind. Ich dachte immer ich könnte das nicht und alle Versuche endeten damit, dass ich immer und immer wieder die ersten Sätze geschrieben und gelöscht habe. Es war nie gut genug, nie so gut wie andere das können. Nie so schmissig und vielversprechend.

Und jetzt? Jetzt lasse ich das mal so. So unperfekt. So wenig Außenwirksam. Aber mit viel von mir. Ich kann vieles gut. Texte für mich selber schrieben nicht. Das übe ich jetzt.

Was mein Unternehmen angeht bin ich ganz sicher, dass eine Zeit kommt in der das was ich kann gefragt sein wird. Ich kann Brücken zwischen Menschen bauen, ich kann Kontakt machen zwischen Menschen und zwischen Themen. Ich kann Emotionen Platz einräumen und mit Gruppen menschlich werden. Dynamiken kreieren und nutzen damit sich Menschen ihre Hände reichen – mit einem guten Gefühl. Weil sie Zeit hatten sich gegenseitig anzunähern.

Die Zeit wird es geben in der es Menschen braucht die dabei helfen können die Abstände die notwendig waren langsam wieder abzubauen. In Unternehmen, Vereinen und Gruppen aller Art. Dann bin ich gerne da und gebe was ich kann.

Danke fürs Lesen und ich freue mich über Eure Gedanken und Kommentare.

Passt gut auf Euch auf!

Kategorie:In eigener Sache

Hallo, ich bin Mona, selbstständige Team- und Outdoortrainerin, Inklusionscoach und Erlebnispädagogin. Ich wohne in Bielefeld und konzipiere, plane und leite seid 2011 überregional Trainings, Fortbildungen und Events. Mich begeistern Menschen, draußen sein, neue Erfahrungen und methodenübergreifendes Arbeiten.

12 Kommentare

  1. Sandra Schwert

    Ich finde es schön von dir so ehrlich zu lesen. Es hat mich sehr berührt. Ich fand es lehrreich deiner Zeit mit deinen Freund*innen im Norden zu folgen. Es war so eine ganz andere Welt als hier in Bielefeld. Wenn du mich fragst, brauchst du an deinem Schreibstil nichts ändern. Authentisch ist immer gut.

  2. Ja. Ich erkenne dich und die Liebe zu deiner Arbeit 1:1 in deinem Text wider.
    Wie gut.

  3. Auf Hochglanz polierte, vollkommen professionelle und kantenlose aber am Ende nichtssagende Webseiten, Flyer, Broschüren,… gibt´s mehr als genug – auch von Leuten/ Einrichtungen/… von denen ich überzeugt bin oder weiß dass sie nichts taugen. Von demher: war schön über deine aktuelle Situation zu lesen! Und ich bin gespannt wie´s bei dir weitergeht – hoffentlich am Ende ohne finanziellen Stress!
    LG aus Freiburg

  4. Julia Zander

    Liebe Mona,
    ich erinnere mich gerne an meinen Lebensabschnitt in Bielefeld, währenddessen ich auch das Glück hatte die Erfahrung zu machen, mit dir gemeinsam Programme zu gestalten und zu leiten. Es hat mir einmal mehr beigebracht, dass es auch okay ist ’still‘ zu sein und manchmal gerade genau das vielmehr in Bewegung mündet als ein leerer Topf zu sein, der am lautesten klappert. An meiner Wohnungstür hängt ein Post-it mit dem Satz ‚Sie müssen es spüren…‘, welchen ich mir immer wieder im Bewusstsein mit in meine Arbeit nehme, denn man kann noch so viel reden oder „gut verkaufen“, wenn dein Gegenüber es nicht selber spürt, dann hinterlässt es auch nichts. Ich würde behaupten die EP Zeit und die Programme mit dir sind an meiner heutigen Haltung nicht ganz unschuldig. Und ich danke dir dafür!

    Ich linse immer mal wieder auf das, was du mit deiner Arbeit tust, wo du unterwegs bist und lese gerne deine Berichte dazu..so auch die Zeit in Lappland – und so wie du berichtest, hast du eigentlich nur alles richtig gemacht: Bleib ein Brückenbauer, bleib ein Kontakt-Mensch auf Distanz, bleib neugierig!

    „…wenn jemand ungewöhnliche Talente besitzt, setzt das voraus, dass die für andere Gebiete benötigte Energie von diesen abgezogen wurde.“
    Allen Shaw
    (aus ‚Still – Die Kraft der Introvertierten‘ von Susan Cain – großartiges Buch, das gut tut zu lesen!)

    Ich wünsche dir alles Gute!
    Mit fernen Grüßen
    Julia

    • Wow, danke für Deine Worte Julia. Ich erinnert mich gerne an die gemeinsamen Programme und den Austausch mit Dir. Schön zu lesen, dass etwas in Dir davon geblieben ist. Danke für Deine Offenheit!

  5. Sehr schön zu lesen und ein toller Weg mit Situation umzugehen. Klingt wie: „Ich mache einfach was ich kann und wozu ich Lust habe und das halt mit voller Energie ohne „den Sand in den Kopf zu stecken“ 🙂
    Kann nur gut gehen, wenn du mich fragst 🙂
    Liebe Grüße an alle Fellnasen und Zweibeiner aus dem Süden
    Sascha

    • Danke Sascha! Ja, ich versuche es so zu machen, dass es zu mir und dem was ich gut kann passt. Deine Grüße richte ich sehr gerne aus!

  6. Hej,
    wir haben uns am Vindskydd Kurajaure getroffen – hoffe, Du bist gut wieder in die Zivilisation gekommen.
    Viele Grüße aus Stockholm

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